Ein neues, transdisziplinäres Modell für den Zweitspracherwerb

AutorIn: Michaela Nuesser | RezensentIn: Jay Ritch | Datum: 2021-03-01

Überblick 

Das Hauptziel des Artikels ist die Anerkennung von einem Zusammenspiel aus kognitiven und sozialen Faktoren auf den Zweitspracherwerb und damit die Inklusion vieler verschiedener Disziplinen, darunter anthropologische Linguistik, kognitive Linguistik, Korpuslinguistik, kulturelle Psychologie, Entwicklungspsychologie, Neurolinguistik, Bi- und Multilingualismus, Soziolinguistik und Systemisch-Funktionale Linguistik. Eine der wichtigsten Aussagen in ihrem Artikel ist daher, dass Sprache und Spracherwerb emergent, dynamisch, unvorhersehbar und offen ist, und interpersonell ausgehandelt wird. 

Die Autoren geben zunächst einen geschichtlichen Überblick über die zunächst kognitiv geprägte Zweitspracherwerbsforschung, die Labov, der schon in den 1970er Jahren erfolgreich war, und andere Soziolinguisten wie Tarone in den 80ern ignoriert hat. Firth und Wagner und auch Lantolf haben in den späten Neunziger Jahren versucht, dies zu ändern; ein Prozess, der bis heute andauert. 

Das vorgeschlagene Modell 

Vorgeschlagen wird also ein Modell, das sowohl neurobiologische und and kognitive Faktoren (die vorgeschlagene Mikroebene) als auch soziokulturelle, entwicklungstechnische, ideologische und sozio-emotionale Faktoren (als Makroebene) berücksichtigt. Auf der Mesoebene wird vorgeschlagen, soziale, ökonomische, kulturelle, und politische Einflüsse anzusiedeln. 

Wichtig zu berücksichtigen ist zudem, dass Sprache nun als Repertoire von Ressourcen angesehen wird, die ein Sprecher im Laufe seines Lebens durch Erfahrungen sammelt und darauf, je nach Kontext, wo die Ressourcen gelernt wurden, zugreifen kann. Diese Ressourcen sind sowohl sprachliche Muster als auch Handlungsabläufe integriert in Sprachhandlungen. 

Für das Modell werden außerdem zehn Kernaussagen vorgestellt:

  1. Sprachliche Kompetenz ist komplex, dynamisch, und holistisch. Persönliche Lebenswelt und individuelle Erfahrungen sind in sprachlichen Einheiten gebündelt und miteinander vereint. 
  2. Spracherwerb ist das Lernen von Zeichen, die für Konzepte und Phänomene in der Realität stehen. 
  3. Spracherwerb passiert gebunden an den Ort und die Situation, in der er stattfindet. Er ist bestimmt dadurch, wem oder was eine Person Aufmerksamkeit schenkt, und durch soziale Faktoren gelenkt. 
  4. Spracherwerb ist außerdem multimodal, findet also auf verschiedenen Kanälen statt, darunter auch körperliche und sinnliche Kanäle sowie andere Personen und Gegenstände. 
  5. Spracherwerb und die erworbene Sprache sind vor allem variabel und veränderlich. 
  6. Lesekompetenzen und die Vermittlung von Sprache durch Andere sind essentiell. 
  7. Spracherwerb beeinflusst Identitätsbildungsprozesse und wird zugleich beeinflusst von ihnen. 
  8. Selbstbestimmtes Handeln ist sowohl das Ziel als auch die bestimmende Kraft im Spracherwerb.
  9. Ideologien bestimmen alle Ebenen des Spracherwerbs. 
  10. Emotionen und Affekt sind auf allen Ebenen des Spracherwerbs wichtig. 

Pädagogische Schlussfolgerungen 

Zwei Hauptziele für den Fremdsprachenunterricht werden von den Autoren vorgeschlagen. Das erste ist, Mehrsprachigkeit als Ressource für die Mitwirkung an sozialen, kognitiven, und emotionalen Handlungen, Netzwerken, und Gesprächsformen anzuerkennen. Das zweite ist die Bewusstseinsbildung für den dynamischen Aspekt, den Handlungen haben. Damit gemeint ist der Einfluss, den sprachliche Handlungen auf die Lebenswelten der eigenen und anderer Personen hat. Damit soll das Modell, das vor allem für eine transdisziplinäre Betrachtung von Fremdsprachenerwerbsforschung plädiert, der Beginn für eine neue Ära sein. 

Original Text:  Douglas Fir Group. (2016). A transdisciplinary framework for SLA in a multilingual world. The Modern Language Journal, 100(S1), 19-47. https://doi.org/10.1111/modl.12301

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